Vom Nazi zum Fußballidol


Vom Nazi zum Fußballidol

Wie konnte aus einem deut­schen Wehr­machts­sol­da­ten in der Nach­kriegs­zeit ein gefei­er­ter Fuß­ball­held der Bri­ten wer­den? Die Radio‐Bremen‐Dokumentation “Vom Nazi zum eng­li­schen Fuß­ball­idol – Die Tor­wart­le­gende Bert Traut­mann” zeigt die bewe­gende Lebens­ge­schichte des Fuß­ball­stars der 1950er‐Jahre in einem zer­ris­se­nen Europa und wie ein Feind zum Freund wurde.

Bis heute einer der bekanntesten Fußballer Englands

Mit sei­nem legen­dä­ren Ein­satz 1956 im eng­li­schen Pokal­fi­nale, das er trotz Genick­bruchs zu Ende spielt, setzte sich Bert Traut­mann ein Denk­mal in der Geschichte des Sports. Noch im sel­ben Jahr wird er zu Eng­lands Fuß­bal­ler des Jah­res gewählt und bei sei­nem Ver­ein Man­ches­ter City sogar zum bes­ten Spie­ler aller Zei­ten. Bern­hard “Bert” Traut­mann ist bis heute einer der belieb­tes­ten und bekann­tes­ten Fuß­ball­spie­ler Englands.

Nach dem Krieg als “überzeugter Nazi” eingestuft

Bern­hard Traut­mann wird 1923 in Bre­men gebo­ren. Er ent­deckt früh seine Lei­den­schaft für den Sport, beson­ders für den Fuß­ball. Bei Tura Bre­men spielt er in den Jugend­mann­schaf­ten – nach der Macht­er­grei­fung der Nazis dann auch mit dem Haken­kreuz auf der Brust. “Nach sei­nem frü­hen Ein­tritt in die Hit­ler­ju­gend mel­dete sich der 17‐jährige Bert sogar frei­wil­lig zum Kriegs­ein­satz und wollte sein Leben für den Füh­rer geben”, erzählt seine Bio­gra­fin Cat­rine Clay. Traut­mann erlebt die Schre­cken und das ganze Elend des Krie­ges haut­nah, stellt das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Regime aber nicht in Frage. Nach dem Krieg lan­det er, wie rund elf Mil­lio­nen deut­sche Sol­da­ten, in Kriegs­ge­fan­gen­schaft. Traut­mann kommt nach Eng­land. Dort wird er als “über­zeug­ter Nazi” eingestuft.

Erst 1948 wer­den die Gefan­ge­nen ent­las­sen. Traut­mann aber bleibt als einer von Weni­gen in Eng­land. Warum genau, das kön­nen selbst Ange­hö­rige nicht beant­wor­ten. Sein jüngs­ter Sohn, Mark Traut­mann, rät­selt heute noch, was genau in sei­nem Vater in jener Zeit vor­ging: “Er hat wenig vom Krieg und der Gefan­gen­schaft erzählt. Aber er hat stets betont, dass er in Eng­land echte Frei­heit ken­nen­ge­lernt hat.”

Wie ging Trautmann mit Fragen von Schuld und Sühne um?

Über den Sport bekommt der Deut­sche Kon­takt zur ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung, spielt als Tor­wart in einer Mann­schaft von Kriegs­ge­fan­ge­nen und lan­det so beim Ama­teur­ver­ein St. Helen’s Town. Als Tor­hü­ter spielt er so gut, dass der Pro­fi­club Man­ches­ter City auf ihn auf­merk­sam wird und Traut­mann 1949 ver­pflich­tet. Ein Deut­scher für “Man City” – das geht vie­len Eng­län­dern zu weit. 25.000 Men­schen demons­trie­ren gegen “den Nazi im Tor”. Erst ein offe­ner Brief des jüdi­schen Rab­bis Alex­an­der Alt­mann beru­higt die Gemü­ter. “Die­ser Brief hat viel bewirkt”, sagt Les­lie Wert­hei­mer, Mit­glied der jüdi­schen Gemeinde in Man­ches­ter und ergänzt: “Die Juden hier haben ihn zwar als ehe­ma­li­gen Sol­da­ten betrach­tet, aber nicht als Nazi. Er war ein tol­ler Spie­ler und ein beschei­de­ner, freund­li­cher Mann.” Traut­mann nutzt seine Chance, spielt sich in die Her­zen der Fans und erobert das König­reich im Flug.

Nach dem Kino­film “Traut­mann” begibt sich die Radio‐Bremen‐Dokumentation auf Spu­ren­su­che. Wie ging der Fuß­bal­ler mit Fra­gen von Schuld und Sühne um? Men­schen, die ihm nahe­stan­den, erzäh­len, wie Traut­mann und die Eng­län­der sich ein­an­der näher­ten und wie ein Mann im Land eines ehe­ma­li­gen Kriegs­geg­ners eine zweite Chance bekam.

Ein Film von Jan‐Dirk Bruns und János Kereszti

Diese Sen­dung ist online first ab Beginn des Sen­de­tags in der ARD Media­thek verfügbar.